An einem Tag. An einem einfachen Tag.
Mit 24 Stunden, 1440 Minuten und 86400 Sekunden. Ich steige ein in die Bahn, sitze da und schaue gleichgültig. Ich schaue durch das Fenster, ohne jemanden mit meinem Blick zu streifen. Gleichgültig eben.
Jeder von uns sitzt mal inmitten von uns. Und jeder von uns denkt an jemanden. Vielleicht denken wir ja gerade an dieselbe Person. Vielleicht denken fünfundfünfzig unter uns gerade an den gleichen Schokoriegel von dem Supermarkt nebenan. Ich verpasse meine Haltestelle. Unabsichtlich. So viele Gedanken sind eine Verschwendung. So vieles wird gedacht ohne jeglichen Grund. Wir können es nicht stoppen. Gedanken sind Dinge, die wir nicht im Griff haben. Wir denken, ohne denken zu wollen. Wie beneidenswert jemand ist, der sagt, dass er sich gerade kurz hingelegt hat und einfach mal an gar nichts gedacht hat. Etwas mit Leere füllen. Das ist Kunst. Vor uns sind unsere Gedanken nicht verschlossen, doch macht es die Dinge einfacher? Es gibt so vieles, das man lieber nicht wissen sollte. Bescheid zu wissen ist gut, es nicht zu wissen ist aber doch so oft viel besser.
Chemie. Moleküle. Atome. Verbindungen. Reaktionen. Fast alles kann man damit beschreiben. Das Buch, das wir lesen, Die Rotze im Taschentuch, den blauen Mantel von der Nachbarin, das Gefühl der Freude, Zuneigung.
Warum wollen wir glücklich sein? Und warum suchen wir nach Trauer?
Wie viele Menschen denken gerade genau diese Gedanken? Die Oma gegenüber von mir oder der Betrunkene an der Tür?
Sie war enttäuscht, nein eigentlich fing es damit an, dass sie enttäuscht wurde. Es ist so schwer, etwas zu finden, das einem fehlt, wenn man es noch nicht kennt. Sie dachte sie würde es kennen. Aber nein, tut sie nicht. Sie dacht es würde jemanden geben, der es kennt, dieses etwas. Diese Person zu finden, wäre wohl die Erlösung. Heißt es dann, dass sie das ist, nach dem man sich sehnt?
Es war an einem schönen Tag, als sie sich das erste Mal begegneten. Dieses Treffen war mehr ein gedankliches Treffen. Sie haben sich sozusagen mit den Sinnesorganen erst vernommen, nachdem sich ihre Gedanken getroffen haben.
Den ganzen Tag über hat es geregnet, In der Nacht vorher schlugen Blitze ein, die selbst den hellsten Tag erleuchten lassen würden. Das fand sie schön. Blitze und Donner und dieser Lärm, der nicht von lebenden Dingen erzeugt werden konnte.
Er war Chemiker. Das heißt, noch schrieb er an seiner Doktorarbeit. Hauptsächlich deshalb, weil er als Chemiker ohne Promotion kaum eine gute Stelle bekommen würde.
Chemie interessierte sie nicht. Nicht im Geringsten.
Doch als er auf der Straße lag, bleich und nass, da sah sie ihn und konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie sein Körper bald zersetzt werden würde, wie es durch die Maden, die sich in ihn bohren, zur Gärung kommen würde, wenn man nicht bald einen Notrufwagen ruft.
Wie war das noch mal mit der Gärung? Die konnte sie doch mal auswendig. Ach ja, und das Formalin, das aus dem Formaldehyd gemacht wird, damit konserviert man doch Leichen. Würde er auch mit Formalin konserviert werden?
Sie stand da und rührte sich nicht. Er war wunderschön und sie stellte sich vor, wie er gerade daran gedacht hat, was er heute alles erledigen wollte. Er hatte nichts Besonderes vor, das sah sie ihm an. Es sollte bloß ein normaler Tag werden. Ein Tag eben.
Daliegen und nichts tun, wie oft wollte er das schon mal tun und wie oft hat er es versucht, ohne dass es gelungen ist. Jetzt endlich durfte er. Durfte er oder musste er? Und will er das jetzt immer noch?
Sie ließ ihn lieber liegen. Immer wieder versuchte sie, seine Augen aufzureißen, aber es hat nicht wirklich funktioniert. Niemand um sie herum schien sie zu beachten, ungewöhnlich.
Sie stellte sich vor, wie er heute Morgen unter der Dusche stand und sich gefragt hat, wie es wäre, sich einmal komplett vom Regen waschen zu lassen. Nun durfte er dies erfahren. So etwas kann man doch keinem nehmen.
Langsam vernahm sie Stimmen um sich herum.
Der Krankenwagen wurde sicher von der jungen Frau gerufen, muss gleich hier sein.
Müssen die nicht spätestens nach fünf Minuten vor Ort sein?
Haben Sie den Krankenwagen schon gerufen?
Man hört ja gar keine Sirenen.
Oh Gott! Der Mann braucht doch Hilfe.
Nichts funktioniert in diesem Land, wofür werden denn die ganzen Ärzte bezahlt, wenn sienie da sind, wenn man sie braucht?
Junge Frau? Hallo? Wie lange sind Sie denn schon da? Ist das ihr Freund? Haben Sie den Krankenwagen gerufen? Ist er krank? Ist das schon mal passiert?
Er hört diese ganzen Zurufe sicherlich auch und möchte, ebenso wie sie, nicht gestört werden.
Also lächelt sie ein bisschen, nimmt sich vor, den Regen zu genießen und legt sich neben ihn. Ganz eng. Er ist kalt, es ist eine eisige Kälte. Das findet sie wunderschön.
Vielleicht verschmelzen sie ja jetzt, sie will auch so bleich und kalt sein, so ruhig und ausgeglichen. Sie hat schon oft gehört, dass Menschen lernen, sich ihrer Umgebung anzupassen, auch wenn es eine Weile dauern kann. Insgeheim hofft sie, dass sie sich nie vollkommen aneinander anpassen auf dem Asphalt, unter den Blitzen. Weil sie dadurch die Vorfreude verlieren würde, die Vorfreude darauf, dass sie einmal wie eins sein sollen.